Sagen, oder nicht sagen...? - Der zweite Frauenabend

Hallo allerseits,
heute Abend ist ja schon unser DRITTER Frauenabend... aber ich wollte doch noch ein paar Worte zu unserem zweiten Frauenabend vor zwei Wochen schreiben... einfach weil das ein grundsätzliches Problem bei mir berührt, eben: 'sagen oder nicht sagen...'... das mit der TS natürlich...

Eigentlich hatte ich ja vor schon bei unserem letzten Frauenabend zu sagen, was mit mir los ist... aber es kam anders als geplant...

An dem Tag wollten eigentlich noch zwei andere Frauen dazukommen, von denen dann aber nur eine auch erschien... dafür fehlte eine der Frauen vom ersten Abend, so daß wir wieder zu fünft waren...

Und die Neue hatte dann an dem Abend sozusagen ihre 'Vorstellungsrunde'... und ziemlich viel zu erzählen...
Da wäre für mich und meine Geschichte gar keine Zeit gewesen... zumal ich bekannt bin für meine... äh 'kurzen' Geschichten ;)...

Da ich nicht über 'Interna' unserer Treffen schreiben will und werde, will ich es dabei dann auch bewenden lassen...

Nur eines noch, weil es für mich und meine TS-Problematik von Interesse ist...
Die Rede kam an diesem Abend auch auf das Thema Schwangerschaft.
Und das gehört, wie Verhütung, Periode, Kinder usw. nunmal zu der Sorte Frauenthemen, wo ich als TS-Frau nicht mitreden kann... und auch nie werde mitreden können...
Zudem sind das doch auch sehr intime Themen...
Und darum fühle ich mich immer ein wenig unsicher, wenn Frauen mit mir oder in meiner Gegenwart darüber reden... weil ich nicht sicher bin, ob es ihnen möglicherweise unangenehm sein könnte, wenn ich bei so einem persönlichen Frauenthema dabei bin...

A hatte da gar keine Bedenken mit mir ganz unbefangen über alles zu reden... wie man es halt unter guten Freundinnen so macht...
Und auch sonst habe ich es schon erlebt, daß ich bei derartigen Frauengesprächen ganz selbstverständlich miteinbezogen wurde... auch wenn ich nichts dazu beitragen konnte...
Und so war es auch an diesem Frauenabend...
Ich hatte nicht den Eindruck, daß da irgend eine der Frauen Hemmungen hatte wegen mir... oder mich gar als 'männlichen Eindringling' in ein persönliches Frauenthema betrachtet hätte...

Ja und ansonsten... da ich zu diesem Thema leider nichts beitragen konnte, blieb mir nichts anderes zu tun, als zu versuchen mir vorzustellen, wie sich das worüber geredet wurde wohl anfühlen mag... was ich aber leider ebensowenig kann wie umgekehrt eine der anwesenden Frauen sich vorstellen könnte, wie es ist transsexuell zu sein...
Allenfalls erahnen kann ich es... und könnten umgekehrt sie es... wie es jeweils ist...

Ja soviel also zum zweiten Frauenabend...

Aber... da war noch was...

Beim verabschieden meinte ich dann leise zur Organisatorin unserer Treffen, daß ich 'es' dann bei passender Gelegenheit sagen würde... woraufhin sie meinte ich müsste das gar nicht sagen...

Und da hat sie einerseits sicher recht...

Die Transsexualität ist ja eigentlich meine Privatsache...
Genauso, wie es Privatsache ist, ob jemand beispielsweise homo- oder heterosexuell ist...
Ich tue niemand weh mit der TS, ich belästige niemand... ich bin einfach nur ein wenig anders als andere Frauen... 'eine nicht ganz normale Frau' eben...
Und wenn jemand ein Problem damit hat, dann ist das SEIN Problem... dafür trägt er die Verantwortung, nicht ich...

Es geht im Grunde niemanden was an, daß ich transsexuell bin...
Und es gäbe eigentlich genausowenig Grund darüber zu reden, wie darüber, ob man jetzt hetero- oder homosexuell ist...

Nur... die Sache hat leider einen Haken... oder sogar zwei...

Erstmal sieht man jemand seine sexuelle Orientierung nicht an... wenn er sich nicht gerade bewusst offensichtlich gibt und zurechtmacht...
Bei der Transsexualität ist es leider nicht so einfach die zu verstecken...
Darum habe ich ja immer dieses 'Erstkontaktsproblem', die Frage, sag ich es vorher... und höre dann von vielen nie wieder was... oder sage ich es nicht... und riskiere daß es dann beim ersten Treffen oder Telefonat Irritationen gibt... oder Schlimmeres...

Dazu kommt dann aber noch ein zweites Problem... wenn ich es NICHT schon vorher gesagt habe... wie mir an diesem zweiten Frauenabend klar geworden ist... oder besser gesagt, danach...

Nachdem wir uns von den Anderen verabschiedet hatten, bin ich noch mit einer der Frauen gemeinsam zur S-Bahn gegangen... und wir haben uns da noch ein bisschen unterhalten... nichts besonderes, über ganz harmlose Sachen... und trotzdem kam ich da prompt in Erklärungsnöte... auf die schlichte Frage hin, wann ich denn am nächsten Tag aufstehen muss...

Wahrheitsgemäß habe ich geantwortet, daß ich am nächsten Tag ein wenig länger schlafen kann, weil ich da nicht aufstehen muss...
Worauf dann natürlich die Frage kam, ob ich da nicht arbeiten müsste...

Ja und da geht's schon los mit den Erklärungsproblemen...

Meine Antwort war dann, daß ich schon arbeiten würde... aber an dem Tag morgen nicht... nur die Gründe dafür, das wäre eine lange Geschichte... zu lange um sie in den zwei Minuten bis ihre S-Bahn kommt zu erzählen...

Denn ich musste an dem Tag nicht arbeiten, weil... xxxxx (schreib ich hier jetzt nicht öffentlich... wer mich besser kennt, weiss bescheid...)... und das weil ich eigentlich offiziell xxxxx... und der Grund dafür ist xxxx (die Sache mit den Depressionen)... und der Grund dafür... das ist die Sache mit S... und eben die Transsexualität...

Ja und da habe ich den Salat...
Selbst wenn ich nur ganz einfache Fragen zu meiner derzeitigen Lebenssituation beantworten soll... komme ich unweigerlich auf die Transsexualität zu sprechen... weil die ganz wesentlich dafür verantwortlich ist, wie ich jetzt lebe...

Wenn ich über die TS nicht reden will, dann bleibt mir nur entweder zu lügen, was ich nicht will und nicht machen werde, oder vieles gar nicht zu sagen, nur ausweichend zu antworten usw...

Und das bedeutet, daß ich konsequenterweise FAST GAR NICHTS von meinem derzeitigen Leben erzählen dürfte!
Denn auf die eine oder andere Weise hängt fast alles irgendwie mit der TS zusammen...

Es ist nun einmal so, daß seit ich im Herbst 1993 beschlossen habe, diesen Weg zu gehen, die Transsexualität nicht nur ein zentrales Thema in meinem Leben war, sondern sogar DAS zentrale Thema, nicht das einzig wichtige, aber das wichtigste Thema von allen... das sich seither wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen hat in den letzten 14 1/2 Jahren... und das darum mit allen anderen meiner wichtigen Lebensthemen... Arbeit... Familie/Beziehungen... psychische Problem usw... ganz eng zusammenhängt...

Ja und darum habe ich momentan ein Riesenproblem... wenn ich von mir, aus meinem Leben erzählen soll OHNE die Transsexualität zu erwähnen...

Das geht gar nicht... außer ich bleibe ganz an der Oberfläche... weiche allen wichtigen Themen aus... sage zu vielem entweder gar nichts oder rede nur ausweichend drumherum...

Das mag noch angehen, wenn ich jemand nur flüchtig kennenlerne... wie beispielsweise in einem der Volkshochschulkurse in denen ich neulich war...
Da gab es auch keinen Grund, warum ich gleich jedem hätte erzählen sollen, daß ich TS bin...
Schließlich sehe ich die Leute nie wieder...
Da gibt es keinen Grund tiefschürfende Gespräche zu führen und ihnen meine halbe Lebensgeschicht zu erzählen...

Aber... ganz anders sieht die Sache aus, wenn man jemand öfter sehen, näher kennenlernen möchte... wenn vielleicht sogar eine Freundschaft draus werden könnte... wie jetzt beispielsweise eben bei der Frauenabend-Gruppe...

Zu einer Freundschaft... oder zu einer (erstmal) nur näheren Bekanntschaft gehört Nähe, gehört Vertrauen, gehört Offenheit...
Und dazu passt es überhaupt nicht, daß ich zumache wie eine Auster, daß ich fast nichts aus meinem Leben erzähle, so wie bisher in der Runde... weil ich dann zwangsläufig an das Thema TS rühren muss...

Darum kann ich auch nicht den gut gemeinten Rat meiner anderen neuen Bekannten aus dieser Community befolgen, die meinte, ich sollte das mit der TS erst sagen, wenn ich schon mit jemand befreundet bin...

Denn... die für eine Freundschaft nötige Offenheit, das Vertrauen und die Nähe erreiche ich ja gar nicht erst, wenn ich so ziemlich alles aus meinem Leben verschweige, was nur irgendwie mit der TS zusammenhängt... um nur ja dieses Thema zu vermeiden... weil ich dann fast gar nichts mehr von mir erzählen kann...
Da beisst sich die Katze in den Schwanz...

Und wie wichtig und hilfreich Offenheit ist... das sehe ich ja gerade hier im Web immer wieder... egal ob beim Chatten früher, beim Bloggen hier oder bei Travesta... ich denke, daß ich so offen über alles rede hat mir überall sehr geholfen...

Umso mehr würde es mir widerstreben jetzt mit Heimlichtuereien anzufangen...

Mag sein, daß ich in ein paar Jahren anders... entspannter mit dem Thema umgehen kann... eben weil es dann - hoffentlich (!) - nicht mehr das zentrale Thema in meinem Leben ist, sondern nur noch eines unter vielen und weil meine ganze Lebensituation dann hoffentlich eine andere ist... nicht mehr von den Auswirkungen der TS geprägt, so wie jetzt...

Dann kann ich hoffentlich viel von mir erzählen, ohne gleich wieder beim Thema TS zu landen...
Und dann kann ich das auch noch irgendwann später mal erzählen, wenn ich jemand gut genug kenne für so ein eigentlich ganz privates Thema...

Nur... derzeit geht das einfach noch nicht... das ist mir an diesem Abend klar geworden...

Die Konsequenz kann für mich also nur sein, daß ich es Menschen die ich näher kennenlernen möchte - derzeit - sagen MUSS, daß ich TS bin... daß ich offen mit dem Thema umgehen muss... weil nur so die nötige Offenheit und damit eben auch Nähe für eine engere Bekanntschaft oder gar Freundschaft erreicht wird...

Es nicht zu sagen gleicht dem Versuch einer Schildkröte zu laufen... und gleichzeitig Kopf und Beine im Panzer eingezogen zu lassen...
Das kann nicht funktionieren!

Also dann... mal sehen ob ich es heute Abend sage...
Das kommt auf die Umstände an... ob es sich ergibt... oder eben auch nicht...
Falls sich der passende Augenblick dafür ergibt, werde ich es ansprechen... falls nicht, ist es auch nicht schlimm...
Es drängt mich ja niemand und es geht ja nicht darum das jetzt 'mit aller Gewalt' unbedingt sagen zu müssen...

Viele Grüße
Aurisa
Paulaline - 27. Feb, 14:39

Liebe Aurisa,

sagen.
Nicht, um Deretwillen, sondern um Deinetwillen.
Ich denke, daß Du damit leider ein größeres Problem hast, als die es haben werden.

Mir persönlich wäre das doch völlig egal, ob Du TS bist, oder nicht. Soll ich Dich tatsächlich ausschließen, nur weil Du noch keine Schwangerschaft miterlebt hast? Dann hätte ich bis vor ein paar Jahren auch nirgendwo mitreden dürfen. Oder meine jetzige Schwangerschaft? Ich wüsste nicht, was es da zu besprechen gibt, was Du nicht hören könntest oder solltest!

Sieh Dich doch mal als Bereicherung! Denn gerade auf grund Deiner Vergangenheit hast Du vielleicht Ansichten, die etwas anders sind, als das übliche Frauen-bla-bla.. ;-)

Wenn es Dich belastet, daß die anderen es nicht wissen - dann stelle das klar. Ansonsten sehe ich das wie Deine Leiterin. Es geht doch niemanden etwas an. Wahrscheinlich aber hast Du Recht, daß Du sonst zu oberflächlich bleiben müsstest.

Wenn ich mal jetzt von meiner Mädelsrunde ausginge, da würde es niemanden stören. Interessieren, klar. Und es würden bestimmt auch Fragen kommen, wenn Du das zulassen würdest. Genauso, wie ich wohl auch Fragen stellen würde. Im Gegenzug könntest Du das aber ja auch bei uns tun, was ja einen Frauenabend auch ausmacht.

Mach, wie Du Dich in dem Moment fühlst. Nur ich denke, Du brauchst keine Angst zu haben, daß Du da in eine geheime Frauenwelt eindringst. Wenn das nicht ganz dumme Tussnelden sind, werden die sich garantiert nicht daran stören!

Viel Glück für heute Abend.

kittykoma - 27. Feb, 15:11

liebe aurisa, ich lese hier schon eine weile mit. was ich jetzt schreibe, ist deshalb wahrscheinlich kein direkter kommentar zu diesem posting, sondern zu einigen anderen auch. und bitte fassen sie es nicht als belehrung auf, nur als vermutungen!
ich habe das gefühl, sie sind noch mitten in dem prozeß, sich selbst ans frau-sein zu gewöhnen. das bewußtsein für das anders- und besonders-sein ist so dominant, daß daraus die erklärungsnöte entstehen. irgendwann werden es ein, zwei knappe sätze dazu sein. daß es in ihrer kindheit eine geschlechtsentscheidung gab, die sich beim erwachsenwerden als falsch herausstellte und daß das nachträglich korrigiert wurde. und deshalb sind sie wie sie sind.
momentan passiert ihnen etwas, das sich "rampenlicht-syndrom" nennt. sie sind sich ihres andersseins so bewußt, daß sie das gefühl haben, immer und überall ist ein spot auf sie gerichtet. wenn sie selbst gelassener werden, ändert sich das, weil sie gleichzeitig anders wirken. das dauert sicher lange. (ich arbeite mit einem sehr ungewöhnlich aussehenden mann zusammen, dem ähnliches passiert, der alles darauf zurückführt: weil ich ein freak bin.)
nicht jede frau hat alle kenntnisse in rein weiblichen, intimen dingen, es gibt unfruchtbare frauen, die auch nie schwanger werden können und keine monatsblutung haben. die winken dann ab mit: gott sei dank hab ich das problem nicht, da kann ich nicht mitreden. und es gibt viele frauen, die über solche themen prinzipiell nicht reden.
"es sagen" könnte manchmal nötig sein. so wie wir im kopf ein wort lesen, wenn wir es nur sehen, blitzen die begriffe "weiblich" und "männlich" im hirn auf, wenn wir einen menschen in den ersten sekunden erfassen. und das dazwischensein bringt dann irritation. ich habe kürzlich eine bewerbung von einer TS bekommen, die unverkennbar männliche gesichtszüge hat. dazu war sie extrem weiblich und nicht sehr geschmackssicher zurechtgemacht. meine erste, instinktive reaktion war: da will mich jemand veralbern! dann las ich weiter und wußte: aha, die geschichte der frau kenne ich aus dem weiteren bekanntenkreis, daher kam sie vielleicht auf die idee, sich bei mir zu bewerben, das ist authentisch. ich würde mich an stelle dieser frau ohne fotos bewerben. unsere kurzurteilsinstanz sitzt einfach so tief im unbewußten, das ist rational nicht zu knacken. ich denke, je stutziger menschen werden, desto nötiger muß man es ihnen erklären. in ein, zwei sätzen, ohne emotionale details. man packt auch keine ausufernde krankengeschichte auf den tisch, wenn man eine beinprothese hat, sondern sagt nur: ein motorradunfall.
aber das wird sich alles geben, wenn sie sich wohler fühlen mit sich selbst, da bin ich sicher.

Chutzpe - 27. Feb, 18:24

Also - das mit Verhütung/typische Frauenprobleme - weiss ich auch nicht so recht - da es mich ja betrifft/betroffen hat - grundsätzlich habe ich natürlich kein Problem solches mit dir zu besprechen und auch Erklärungen zu liefern, weil du ja nicht wissen kannst wie manches ist.
Andererseits muss ich manchmal auch Freundinnen fragen und weiss dazu längst nicht alles - wozu auch.
Da könnte man auch einfach sagen, dass man damit noch nicht konfrontiert wurde - es gibt noch mehr Leute, die in unserem Alter sind und noch nie Sex hatten.

Warum du morgen frei hast, hätte ich ev. gesagt - doch du hättest auch einfach sagen können, dass du frei hast, weil du was erledigen musst und wenn sie gefragt hätte, was, hättest du gesagt, was privates oder ein Zahnarztbesuch (musst ja nicht sagen welcher Arzt *tse*) - und wo du arbeitest, hättest du ja trotzdem sagen können.

Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken oder ich bin zu sorglos - was gut auch sein könnte.

Alles Liebe

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