Oh Mamma!
Hallo ihr,
ja... seit fast 2 1/2 Monate habe ich hier keinen neuen Beitrag mehr geschrieben...
Das ist meine mit weitem Abstand längste Blogpause...
Und ehrlich gesagt war ich mir selbst nicht sicher, ob ich das Bloggen nicht vielleicht ganz aufgegeben hatte...
Aber... das ist wohl doch nicht der Fall... wie ihr seht...
Denn... das was hier in den letzten Monaten los war liegt mir auf dem Herzen... und ich habe das Bedürfnis davon zu erzählen...
Darüber zu reden... was ich schon getan habe... und es mir eben auch vom Herzen zu schreiben...
Und genau dafür ist unter anderem dieser Blog ja da...
Hier will ich also von EINEM der Gründe dafür erzählen, warum es mir in letzter Zeit so schlecht ging... und ich nebenbei auch keine Zeit und keinen Kopf zum Bloggen hatte...
Das ist wie gesagt nur EINER der Gründe...
Daneben gibt es noch eine ganze Reihe andere...
Aber das war der wichtigste und dringendste...
Und wie der Titel des Beitrags schon andeutet geht es um meine Mutter...
Ihr ging es ja schon länger nicht gut...
Eigentlich ging es ihr noch NIE gut, so lange ich sie kenne...
Wobei das bei ihr ja immer schwer einzuschätzen war, wie es ihr wirklich ging... weil sie IMMER geklagt hat... auch über objektiv völlig nichtige Dinge...
Jedenfalls... früher war es im wesentlichen nur ihr Asthma, das ihr Probleme machte... und auch das nicht immer... ansonsten war sie einigermaßen gesund...
Aber vor ungefähr 20 Jahren gingen die ECHTEN Probleme dann los...
Denn da waren ihre Knie- und Hüftgelenke dann so verschlissen, daß sie nicht mehr richtig laufen konnte... und nur unter Schmerzen...
Sie hat mal gesagt, sie hätte sich die kaputt gemacht, weil sie putzen gegangen sei um Geld zu verdienen um uns - ihr Kinder - aufzuziehen...
Das hat mich sehr getroffen... denn damit hat sie ja MIR die Schuld an ihren Problemen gegeben...
Das war auch ganz typisch für meine Mutter...
Sie hat ihre Probleme immer anderen angelastet...
Das ist bequem...
Wenn man Anderen die Schuld gibt, muss man nicht auf sich selber wütend sein... sondern kann Andere anklagen...
Und man muss nichts tun um etwas an seinen Problemen zu ändern... denn man selber kann ja nichts dafür... angeblich...
Und das war dann auch der Kern der Probleme meiner Mutter...
Sie hat sich selbst entlastet, indem sie ihre eigene Verantwortung für ihre Probleme von sich weg geschoben hat... und dadurch auch jegliche Lösung ihrer Probleme verhindert...
Denn... um seine Probleme zu lösen muss man sich erstmal eingestehen, daß man selbst dafür verantwortlich ist... und es darum an einem selber liegt auch etwas daran zu verändern...
Jedenfalls... auch in diesem Fall war es ganz sicher nicht der Putzjob, mit dem meine Mutter sich ihr Gelenke kaputt gemacht hat - zumal das sowieso nur ein paar Stündchen in der Woche waren - sondern es war schlicht und einfach ihr großes Übergewicht...
Meine Mutter sagte immer sie würde 100 Kilo wiegen...
Als ich das mal meinem Bruder erzählte hat der aber nur gelacht... denn es war mit Sicherheit mehr...
Wie viel genau weiss ich nicht... denn so lange ich lebe war sie NIE auf der Waage...
Auch das ganz typisch für sie... Sie hat sich eben nie um ihre Gesundheit gekümmert... nie etwas dafür getan, daß es ihr in Gegenwart und Zukunft körperlich gut geht getan...
Realistischer dürfte jedenfalls nicht 100 sondern eher so 130, 140, 150 Kilo sein... vielleicht sogar noch mehr...
Und das machen die Gelenke einfach nicht auf dauer mit...
Und körperlich aktiv war sie auch nicht so wahnsinnig viel...
Nein... faul war sie auch nicht... den Haushalt hat sie schon ordentlich gemacht... aber sonst war da nicht viel mit Bewegung bei ihr...
Und wenn man schon so großes Übergewicht hat... dann
sollte man zumindest körperlich aktiv sein...
Denn Übergewicht ist nicht per so schlecht...
Menschen mit leichtem Übergewicht - und das zeigt die perverse Dimension des Begriffes 'Übergewicht', den wir derzeit haben - leben sogar am längsten... länger als 'Normalgewichtige' und Dünne...
Nur starkes Übergewicht ist wirklich ungesund...
Ja und ein körperlich aktiver Übergewichtiger lebt immer noch gesünder als ein dünner Bewegungsmuffel!
Nur... Übergewichtig UND körperlich nicht aktiv... das ist wirklich doppelt schlecht für die Gesundheit...
Und die Folgen bekam meine Mutter dann so ab Ende der 80-er Jahre zu spüren...
Durch ihr starkes Übergewicht gingen allmählich die Gelenke kaputt... sie konnte immer schlechter laufen... es dauerte nur wenige Jahre, bis sie dann nicht mehr zum Einkaufen gehen konnte und ich das übernehmen musste...
Damals als das alles anfing, hatte ich gerade mein Abitur gemacht... und es war Zeit für mich aus dem Haus zu gehen...
Ich war dann ein Jahr an der Uni Konstanz am Bodensee... stellte dann aber fest, daß das Studium nicht das Richtige für mich war...
Und weil es meiner Mutter inzwischen merklich schlechter ging und sie nicht mehr alleine klar kam, habe ich mich dann entschlossen mir einen Studienort in unserer Nähe zu suchen... damit ich ihr helfen konnte... weil ja sonst niemand da war, der sich viel um sie gekümmert hätte...
Damals habe ich ihr auch gesagt, sie solle doch in's Krankenhaus gehen... und sich operieren lassen... sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen lassen...
Das vor allem machte ihr damals Probleme...
Dann würde sie endlich wieder richtig und ohne Schmerzen laufen können...
Aber sie wollte nicht... sie wollte absolut nicht in's Krankenhaus...
Sie hatte Angst davor... meinte immer, da käme sie nicht wieder lebendig raus...
Dabei war sie damals erst knapp über 60... und noch vergleichsweise fit...
Woher diese Angst kam... Ich weiss es nicht...
Sie war nie im Krankenhaus... kann da also auch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben...
Jedenfalls... ich sah damals schon voraus, wie es sonst gehen würde...
Sie würde immer schlechter laufen können, weil der Verschleiss und damit die Schmerzen ja nicht besser sondern schlechter werden ohne Operation...
Als Folge würde sie sich immer weniger bewegen...
Dadurch würde sie immer schlaffer und kraftloser werden... sich deshalb noch weniger bewegen...
Und so weiter... und so fort... bis sie irgendwann gar nicht mehr könnte
Ein Teufelskreis...
Ja und genau so kam es da auch... nur noch viel schlimmer, als ich es mir damals ausgemalt hatte...
Wenn ich damals schon gewusst hätte, was da in den nächsten 20 Jahren noch auf mich zukommen würde....
ich glaube ich hätte schreiend die Flucht ergriffen... wäre Hals über Kopf ausgezogen, hätte mir irgendwo weit weg ein Studentenzimmer genommen und wäre nie wieder zurück gekommen... so unerträglich war die Zeit mit ihr oft...
Obwohl... ich weiss nicht, ob ich es selbst mit diesem Wissen fertig gebracht hätte sie alleine zu lassen...
Wahrscheinlich nicht...
Aber für mich wäre es auf jeden Fall besser gewesen... denn die letzten 20 Jahre waren für mich durch meine Mutter eine enorme Belastung...
Und das wo ich auch ohne sie so viel eigene Probleme hatte, die mich fast erdrückten...
Jedenfalls wurde es im laufe der Zeit, genauso wie von mir befürchtet immer schlimmer...
Bald konnte sie nicht mehr einkaufen gehen...
Das war eines der ersten Dinge, die ich für sie unternehmen musste... und dann nach und nach immer mehr...
Viel schlimmer war allerdings ihr Verhalten...
Meine Mutter war schon immer... schwierig... vorsichtig ausgedrückt...
Ihre Art mit anderen Menschen und vor allem auch über andere Menschen zu reden habe ich immer mit zwei Worten umschrieben:
Jammern und Meckern...
Sprich... von ihr kam immer nur negatives... den lieben langen Tag von morgens bis abends...
Jeden Tag... jeden Monat... jedes Jahr...
Alle sind so böse... alles ist so schlecht...
Diese Mischung aus Wehleidigkeit, Feindseligkeit, Undankbarkeit, Uneinsichtigkeit... und anderen unschönen Zutaten... DIE vor allem war es, die mir das Leben in den letzten 20 Jahren - und auch die 20 Jahre meines Lebens davor schon... - so schwer gemacht hat...
Wie viel leichter hätte alles sein können... für mich UND für sie... wenn meine Mutter freundlich und vernünftig... einfach weniger negativ allem gegenüber eingestellt gewesen wäre...
Aber so war sie nun mal.... immer schon...
Ich habe nie verstanden, wo all dieser Groll her kam... und wie man mit so viel Feindseligkeit und mit so vielen Lebenslügen leben kann...
So ging das also... tagein, tagaus... immer nur jammern und meckern... 20 Jahre lang... immer nur "Mir geht es sooooooo schlecht" (weil da eine Mücke über die Wand gekrabbelt ist... oder aus ähnlich wichtigen Gründen...) und "Alle sind sooooo böse zu mir" ("Nur ich bin die einzig wahre GUTE!")... und "Klaus tu dies" und "Klaus tu das!"... Klaudia hat sie mich nie genannt... aber das war mir ja schon von vorne herein klar... ich kenne schließlich meine Mutter...
Und ein Wort des Dankes... oder Lob oder überhaupt freundliche Worte... die bekam ich von ihr praktisch nie zu hören... alle Jahre wieder einmal vielleicht...
So gingen die Jahre dahin...
Nachdem sie ziemlich bald schon nicht mehr einkaufen gehen konnte, bestand ihre einzige Abwechslung darin, daß ich sie ab und zu mit dem Auto zum Essen auswährts ausgefahren habe...
Aber auch das wurde immer schwieriger, da sie immer schlechter gehen und vor allem irgendwann kaum noch Treppen steigen konnte...
In einer Wirtschaft, wo wir oft waren ging es eine ziemlich lange Treppe hoch...
Und das muss schon ein paar Jahre her sein, daß wir das letzte Mal dort waren... danach ging es nicht mehr...
Danach mussten es dann Wirtshäuser sein wo ich nahe des Eingangs halten konnte... und es möglichst wenige Stufen hoch ging...
Und selbst nur ein, zwei Stufen waren dann schon ein Problem für sie...
Und leider gottes ist dann vor ein paar Jahren unser alter Hausarzt in den Ruhestand gegangen...
Und zu seinm Nachfolger - einem Ärztepaar - wollte meine Mutter nicht gehen... bzw. sie nicht zu sich kommen lassen, denn in deren Praxis zu gehen wäre sowieso schon zu schwer für sie gewesen...
Also kam es, wie es kommen musste...
Irgendwann waren die alten Medikamente aufgebraucht... bzw. hat sie die restlichen einfach gar nicht mehr genommen... bzw. sie wohl für den 'Notfall' aufgespart, vermute ich mal...
Nur daß es im Notfall dann zu spät ist... weil man die Medikamente vorher und regelmäßig einnehmen muss, damit sie was bringen...
Und so fand sich meine Mutter dann im letzten November plötzlich auf dem Boden ihres Wohnzimmers wieder... weil ihr als sie auf der Eckbank lag und dort den Tag verdöste pötzlich schwarz vor Augen geworden war...
Wahrscheinlich ist sie damals in's Zuckerkoma gefallen... weil ihre Zuckerwerte irrsinnig hoch waren...
weil sie ja ihre Medikamente dagegen nicht mehr genommen hatte...
Aber das wusste ich damals alles noch nicht...
Sie hätte auch gleich tot umfallen können... bei ihren Werten...
Ja und so habe ich sie dann da gefunden... und vergeblich versucht sie wieder hoch zu bekommen...
Sie hatte zwar auch damals schon an Gewicht verloren... war aber immer noch sehr schwer... zu schwer sie hoch zu heben... zumals sie mal wieder... sagen wir mal nicht gerade kooperativ war...
Und ich bin auch längst nicht mehr so stark, wie ich früher mal war... nach dem was ich in den letzten Jahren so alles mitgemacht habe...
Alleine hatte ich keine Chance sie hoch zu heben... und habe mir dabei dann auch noch Schulterprobleme eingehandelt bei dem Versuch... an denen ich bis heute herum mache...
Erst als ich meinen Bruder erreicht habe konnten wir sie dann gemeinsam hoch heben...
Danach hat mein Bruder dann den Arzt bestellt...
Aber als der dann kam... hat meine Mutter sich geweigert ihn rein zu lassen...
Und so blieb sie also weiter ärztlich und medikamentös unversorgt... aus purer Sturheit und Dummheit...
Damals ging es ihr noch vergleichsweise gut...
Zwar konnte sie nur noch ganz schlecht laufen... aber sonst gab es keine wirklich akuten Probleme.
Aber daß ihr Herz schwach war... das wussten wir ja schon lange... und daß sie Zucker hatte auch...
Nur... wie schlecht ihre Werte aktuell dann waren... das wusste kein Mensch, weil sie ja schon ewig keinen Arzt mehr an sich heran gelassen und keine Medikamente mehr genommen hatte...
Hätte man sie damals behandelt und gut eingestellt... sie hätte vielleicht noch etliche Jahre ganz gut und ohne größere Probleme leben können...
Aber sie hat es ja nicht zugelassen... und zwingen konnte man sie nicht...
Und so kam es, wie es kommen musste...
In diesem Jahr hab ich dann noch zweimal ein Auto gemietet - ein eigenes habe ich ja schon lange nicht mehr - um mit ihr Essen zu fahren, damit sie wenigstens ab und zu mal raus kommt und ein wenig Freude hat...
Wobei ich das wirklich NUR für SIE gemacht habe...
Ich hatte da überhaupt keine Lust drauf... ganz im Gegenteil...
Für mich bedeutet das immer einen ganzen Tag Stress...
Auto holen, mit ihr weg fahren, sie wieder heim bringen, Auto wieder weg bringen... und das wo ich auch nicht gerne Auto fahre...
Und der Spaß kostet dann auch jedes mal fast 100 Euro für Automiete und Essen...
Nein für mich habe ich das wahrlich nicht gemacht...
Na ja... bis dahin ging es ihr - den Umständen entsprechend - noch ganz gut...
Sie hatte zwar Probleme auch nur die fünf Meter von der Straße zum Wirtshaus und dann die paar Stufen dort hoch zu gehen... aber das war die letzten Jahre ja auch schon so gewesen...
Und sonst war sie für ihre Verhältnisse fit...
Den letzten Ausflug haben wir im Mai gemacht... und ich wollte wieder mit ihr fahren, sobald die größte Sommerhitze vorbei war und bevor es kalt wurde...
Aber dazu kam es nicht mehr...
Es war wohl noch im Juli... irgendwann in der zweiten Monatshälfte, also nach unserem Himbeertörtchen-Essen, als es meiner Mutter dann plötzlich deutlich schlechter ging...
Sie klagte über Schmerzen im Rücken... und diesmal war das nicht nur ihr übliches Jammern, sondern es ging ihr richtig schlecht... und ab da verließen sie dann auch die Kräfte... konnte sie vieles, wie Backen, Sonntags kochen und Anderes, was sie bisher all die Jahre noch gemacht hatte, dann bald nicht mehr machen...
Aber auch da wollte sie nicht zum Arzt und nicht in's Krankenhaus... und zwingen konnte man sie nicht...
Ja wenn sie einfach umgekippt wäre... dann hätte ich nicht gefragt, sondern einfach den Notarzt gerufen... aber das ist sie nicht...
Schließlich, ich weiss nicht ob es noch im Juli oder schon Anfang August war, ging es ihr so schlecht, daß ich mir so große Sorgen machte... daß ich es einfach nicht mehr verantworten konnte noch länger zu warten...
Es war Freitag morgens... und ich hatte Angst, daß sie womöglich nicht das Wochenende überleben würde... und das wollte ich einfach nicht riskieren...
Also habe ich mich kurzfristig entschlossen meine Chefin zu fragen, ob ich gehen darf... bin auf dem Heimweg beim Hausarzt vorbei gegangen und haben ihm das Problem erklärt... und zuhause habe ich meiner Mutter gesagt, daß ich beim Arzt war und er nachher vorbei kommen will... und endlich endlich war sie bereit dazu ihn zu sich zu lassen...
SO schlecht ging es ihr offenbar schon...
Der Arzt hat dann festgestellt, daß sie Wasser in der Lunge hat, ihr Herz rast und die Werte auch sonst so schlecht sind, daß sie eigentlich gleich in's Krankenhaus müsste...
Das wollte sie aber nicht... wie gehabt...
Also wollte er, daß sie zumindest in seine Praxis kommt, damit er ein EKG machen und sie auch sonst ordentlich untersuchen kann...
Das haben mein Bruder und ich dann - es war wohl am Montag darauf - mit hängen und würgen gerade noch so geschafft, sie dahin zu bringen...
Es war hart an der Grenze des Machbaren... und alleine hätte ich das gar nicht schaffen können... weil meine Mutter so schlecht laufen konnte und schon so geschwächt war...
Und dort waren vor allem ihre Herzwerte so katastrophal - Herzschlag so um die 160 in der Minute und es war glaube ich auch von Vorhofkammerflimmern die Rede, während des EKG'S... - daß sie eigentlich ganz dringend und SOFORT in's Krankenhaus hätte gebracht werden müssen...
Das hat ihr der Arzt eindringlich gesagt, ich habe es ihr gesagt und mein Bruder hat es ihr gesagt...
Aber sie wollte nicht... sie wollte einfach nicht...
Da dachte ich schon, daß sie womöglich jeden Moment tot umfällt...
Aber noch war es nicht soweit...
Also ging es wohl oder übel wieder mit ihr nach Hause...
Ich habe ihr ihre Medikamente besorgt... und darauf geachtet, daß sie die auch einnimmt...
Die Ärztin kam dann zum Hausbesuch... und die Herzwerte meiner Mutter waren dank Medikamenten tatsächlich deutlich besser geworden...
Nur der Zucker war immer noch "katastrophal" hoch, wie die Ärztin sagte... Die Tabletten schienen da irgendwie gar nicht zu wirken...
Insulin wollte sie ihr aber möglichst nicht geben, weil sie meinte, das würde vermutlich mehr schaden als nützen beim angeschlagenen Zustand meiner Mutter...
Jedenfalls mussten wir jederzeit damit rechnen, daß sie wieder - wie wohl damals im November schon einmal - in's (Über)zuckerkoma fallen könnte... und dann vielleicht nicht mehr daraus aufwachen würde...
Danach hatte der Hausarzt erstmal drei Wochen Urlaub... und ich hoffte, daß in dieser Zeit nichts passieren würde... und war heilfroh, daß meine Mutter ihre Medikamente nahm...
Tatsächlich ist in der Zeit nichts schlimmes passiert...
Eine Zeit lang ging es meiner Mutter sogar wieder besser...
Das Wasser wurde wohl aus der Lunge ausgeschieden, wie es sein sollte... aber dann... aus mir unbekannten Gründen, und obwohl sie ihre Medikamente auch weiter nahm, wurde es wieder schlechter...
Zwar nicht so schlecht wie damals, als ich den Arzt gerufen habe... aber merklich schlechter...
Sie hatte keine akute Schmerzen, wurde aber wieder schwächer...
Während sie zwischendurch eine Zeitlang manchmal auch wieder alleine vom Schlafzimmer zum Wohnzimmer gegangen war, brauchte sie jetzt wieder immer meine Hilfe dazu...
Schließlich war der Praxisurlaub beendet... und die Ärztin kam wieder zum Hausbesuch...
Die Herzwerte meiner Mutter waren für ihre Verhältnisse in Ordnung... nur an den Zuckerwerten hatte sich leider gar nichts verbessert...
Keine Ahnung warum die Tabletten nicht gewirkt hatten...
Ja... und seit dem Tag, als die Ärztin da war hat meine Mutter dann keine ihrer Tabletten mehr genommen... keine einzige mehr...
Warum... ich weiss es nicht...
Sie meinte mal zu mir, sie würde sich ja immer sagen, daß sie sie nehmen müsste... aber sie würde sie nicht mehr runterbringen...
Meine Mutter ist doch so überempfindlich... und macht sowieso aus jedem Tablettchen, das sie nehmen muss eine Tragödie...
Vielleicht war der eigentliche Grund ja aber auch, daß sie das Gefühl hatte die Tabletten würden ihr sowieso nicht mehr helfen...
Oder... vielleicht wollte sie ja bewusst oder unbewusst sterben... und hat deswegen die Tabletten nicht mehr genommen...
Sie hat ja auch geäußert, das sei "kein Leben mehr"... und - obwohl sie nicht wirklich gläubig war - Gott gebeten sie wieder gesund werden zu lassen... oder sterben zu lassen...
Inzwischen war es schon September... und ihr Zustand hatte sich dann auf niedrigem Niveau wieder einigermaßen stabilisiert...
Den Arzt rufen bringt nichts... Die Ärztin war ja erst da... aber meine Mutter nahm ja die Medikamente nicht, die ihr verschrieben wurden... und in's Krankenhaus würde sie schon gar nicht gehen, obwohl ihr alle eindringlich dazu geraten hatten... mehr als einmal...
Aber nicht nur für sie... auch für mich waren die letzten ungefähr drei Monate seit etwa Mitte Juli eine schwere Zeit...
Ich hatte ja eigentlich ganz andere Pläne... wollte jetzt etwas für meine berufliche Zukunft tun...
Aber das ging dann gar nicht mehr... Ich musste mich ja ständig um meine Mutter kümmern... habe immer nach ihr geschaut, für sie gekocht, sie aus dem Bett in's Wohnzimmer und zurück gebracht mehrmals am Tag, damit sie wenigstens noch ein bisschen raus kommt... bin oft über Mittag von der Arbeit nach Hause gekommen um nach ihr zu sehen, obwohl der Weg für mich da eigentlich viel zu weit ist... usw...
Wobei es schwierig war sie überhaupt dazu zu bringen wenigstens etwas zu essen und zu trinken...
Da war keine Kraft und fast keine Zeit mehr für Anderes...
Vor allem auch darum war hier in den letzten Monaten fast nichts mehr von mir zu lesen...
Nur ein paar mal bin ich doch raus gegangen... denn immer nur bei ihr zuhause sitzen... das ging nicht...
Ich hatte ja auch Verpflichtungen... und ich wollte wenigstens ab und zu auch mal Freunde treffen... um auch mal auf andere Gedanken zu kommen...
Ja und dann kam der Freitag vor einer Woche... an dem sie sich weigerte aufzustehen und ihr Schlafzimmer zu verlassen...
Und am Samstag letzter Woche konnte ich sie dann gar nicht dazu bewegen etwas zu essen...
Das einzige, was sie da zu sich nahm war der Tee, den ich ihr immer kochte und in einer Thermoskanne an ihr Bett stellte, damit sie immer was zu trinken hat... auch wenn ich mal nicht da sein kann...
Am letzten Sonntag hat sie dann zwar wieder ein bisschen was gegessen... aber sie war schon so geschwächt, daß sie Mühe hatte auch nur alleine aus dem Bett und vor allem wieder rein zu kommen... in's Wohnzimmer hätte sie es da wohl wirklich nicht mehr geschafft...
Am Montag habe ich sie dann gefragt, ob sie nicht doch in's Krankenhaus will...
Denn... in den Wochen davor hatte sie mehrfacht gemeint, daß es vielleicht doch besser gewesen wäre, wenn sie damals in's Krankenhaus gegangen wäre, als der Arzt sie einliefern lassen wollte...
Also hatte ich die Hoffnung, daß sie jetzt, wo es ihr wieder deutlich schlechter ging, endlich gehen würde... aber nein... da war nichts zu machen... sie wollte einfach nicht... immer noch nicht...
Diese Woche habe ich mich dann darum bemüht Hilfe zu bekommen... für ihre Pflege...
Ich war beim Arzt, bei der Krankenkasse, bei der Sozialstation und bei einer Beratungsstelle um alles zu organisieren...
Bis letzte Woche konnte ich mir noch alleine behelfen... aber nachdem sie kaum mehr aus dem Bett kam, war das auf Dauer nicht mehr möglich...
Den Antrag bei der Pflegekasse hatte ich schon sechs Wochen vorher gestellt... und jetzt war er endlich genehmigt worden...
Am Mittwoch war ich bei der Sozialstation... und die Frau von dort wollte dann am Donnerstag vorbei kommen... um zu schauen, was wir alles für Pflegehilfsmittel benötigen, damit wir das beantragen können... und um mir beim Waschen meiner Mutter zu helfen... denn allein konnte ich das nicht... dazu war sie zu schwer... und das Badezimmer für sie inzwischen ohne Hilfe unerreichbar...
Ebenfalls am Donnerstag wollte die Ärztin wieder einen Hausbesuch machen...
Inzwischen war die Situation so, daß ich ihr schon helfen musste, wieder in's Bett zurück zu kommen... alleine schaffte sie das kaum noch...
Und diese Woche musste ich sie dann auch noch füttern, weil sie es alleine nicht mehr schaffte zu essen...
Ich kochte ich dann das wenige, was sie noch essen konnte... weichgekochte Eier, Brei, Suppe...
Und ich kremte ihre wunden Stellen ein... mit Zinksalbe... dort wo die Haut wund geworden war, weil der große schlaffen Hautlappen ihres Bauches der ehemals kugelrund gewesen war und jetzt weit herunter hing auf der Haut scheuerte und drückte...
Das hatte sie mir erst am Montag gezeigt... und es sah wirklich übel aus... eine große rote wundgescheuerte Fläche...
Vorher hatte ich das nicht sehen können... weil ja ihre Bauchhaut wie ein Vorhang darüber hing...
Wenn man dagegen nichts tat, würde sich wahrscheinlich sogar ein Dekubitus daraus entwickeln...
Am Donnerstag wollte ich das dann der Ärztin und der Pflegerin zeigen und fragen, was man da machen kann...
Am Dienstag hatte ich noch ihr Bett abgezogen, damit ich es waschen kann... und neu bezogen für sie, damit sie wieder in einem sauberen Bett liegen kann...
Das wollte ich schon vorher machen... aber sie ließ mich ja nicht in den Tagen vorher wo sie praktisch ständig im Bett lag...
Und ich war froh, wenn es Donnerstag war, damit ich sie mit Hilfe der Pflegerin endlich auch wieder waschen konnte... den alleine ging das beim besten Willen nicht...
Am Mittwoch morgen habe ich ihr dann noch zwei weiche Eier gekocht... und sie nur mit dem Gelben davon gefüttert... weil sie das weisse nicht mehr essen mochte...
Ich habe ihre Wunden stellen eingecremt...
Danach war ich kurz weg, bei der Sozialstation um die Pflege zu organisieren...
Und ich meinte da schon, daß es wohl keinen Sinn hätte bei uns noch die Wohnung um zu bauen... oder meine Mutter in ein Heim zu bringen...
Weil man ihr damit mehr Stress als Nutzen verursachen würde...
Denn... ich rechnete nicht damit, daß sie noch lange leben würde...
Schon Anfang des Jahres hatte ich zu Thomas gesagt, daß es gut sein kann, daß sie nicht mal mehr ihren letzten Geburtstag im Dezember erleben wird...
Und damals ging es ihr noch vergleichsweise richtig gut...
Jetzt - letzte Woche - rechnete ich allenfalls noch mit ein paar Monaten...
Denn... nicht nur ihre Werte waren schlecht... sie sah auch schlecht aus... sehr schlecht...
Das Gesicht eingefallen... in den letzten Monaten um etliche Jahre gealtert...
Die Augen rot unterlaufen...
Der Körper ehemals kugelrund... jetzt schwach und kraftlos... mit hängendem Bauch und schlaffen Brüsten die nur noch Hüllen aus Haut sind...
Die Arme dagegen dünn... und selbst gemeinsam mit den Beinen zusammen kaum noch in der Lage ihren Körper auch nur zu stützen...
Immer noch zu dick... nicht ausgemergelt und hager, wie meine Großmutter damals als es mit ihr zuende ging... aber eben sichtbar verfallend...
"Ich muss sterben", sagte sie am Montag, als ich sie fragte, ob sie nicht doch in's Krankenhaus wollte... und das war leider eine realistische Einschätzung...
Dann am Mittwoch... als ich von der Sozialstation wieder zuhause war, habe ich mich um sie gekümmert... dann noch gefragt, ob ich irgend etwas für sie tun kann...
Und als sie verneinte bin ich raus gegangen um Wäsche aufzuhängen...
Da war noch alles normal...
Aber kaum war ich draußen... da hörte ich sie drinnen schon rumoren durch das Schlafzimmerfenster...
hörte wie sie sich offenbar aufsetzte im Bett... hörte sie jammern... und schließlich "Bitte lieber Gott, hilf mir, hilf mir doch!" sagen... immer wieder...
Und da war mir klar, daß es ihr gar nicht gut geht...
wenn sie die mit Religion nichts am Hut hatte, schon Gott um Hilfe ruft...
Ich bin dann gleich wieder rein um nach ihr zu sehen... und offenbar hatte sie Probleme mit dem Atmen... obwohl nicht mal 5 Minuten vorher noch nichts ungewöhnliches war...
Ich habe dann den Arzt gerufen... und der ist auch gleich gekommen...
Das war kurz vor 12 Uhr... und es ging ihr SO schlecht, daß er sie unbedingt in's Krankenhaus bringen lassen wollte...
Und meiner Mutter ging es diesmal offensichtlich SO schlecht, noch viel schlechter als damals als wir mit ihr in der Arztpraxis waren, daß sie diesmal einverstanden damit war... und DAS sagt eigentlich alles darüber, WIE schlecht es ihr gegangen sein muss...
Ich dachte da schon, daß sie uns jetzt gleich stirbt so schlecht sah sie aus...
Sie konnte sich auch nicht mehr richtig artikulieren und hatte kaum kraft sich noch zu bewegen... starrte aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin und hatte die Arme mühsam ein Stück ausgestreck... Richtung Bettrahmen... vielleicht weil sie sich daran hoch ziehen wollte... Ich weiss es nicht... Ich konnte sie ja nicht mehr fragen...
Ich hab ihr dann den feuchten Waschlappen zur Kühlung auf die Stirn gelegt, den sie seit Monaten immer dafür an ihrem Bett haben wollte... aber das wollte sie wohl auch nicht... und dann musste ich raus um Notarzt und Rettungswagen einzuweisen, während der Hausarzt sich weiter um meine Mutter bemühte...
Der Notarzt und Rettungswagen waren dann auch schnell da... und plötzlich standen... ich weiss gar nicht mehr so sechs Leute außer mir in ihrem Schlafzimmer...
Hastig wurde ihr Toilettenstuhl und alles Andere was da noch im Weg stand wurde hastig beiseite geschoben, damit sie sich um sie kümmern könnten...
Medikamente wurden gespritzt, ein EKG wurde mit einem mobilen Gerät gemacht...
Und... ich hab den Ausdruck, der hier liegen blieb aufgehoben... Ich bin medizinischer Laie... aber selbst ich kann da sehen, wie schlecht es um sie stand...
Die Kurven sind extrem unregelmäßig... der Herzschlag teilweise über 200 wenn ich die Abkürzung richtig interpretiere...
Ich konnte da leider nicht mehr viel tun...
Ich hätte ihr gerne die Hand gehalten... oder was auch immer... damit sie spürt, daß sie da war... aber dafür waren zu viele Leute da und darum kein Platz...
Sie hat mehrfach meinen Namen gerufen... und ich konnte dann leider nicht mehr tun als ihr sagen, daß ich da bin... und so zu stehen, daß sie mich sehen kann...
Und das letzte was sie dann noch gerade so verständlich sagte war etwas über ihre neuen Hausschuhe...
Und ich wusste was sie meinte...
Sie hatte schon oft gesagt, daß falls sie mal in's Krankenhaus müsste, ich schauen müsste, daß ich ihr gute Sachen einpacken würde... und nicht die alten Dinge, die sie immer aufträgt... statt's sich mal neue zu kaufen...
Wie die alten Leute, die den Krieg noch erlebt haben halt sind...
So war es auch mit den Hausschuhen...
Sie hat zuhause uralte Dinger mit riesigen Löchern getragen... obwohl ich ihr schon vor Jahren neue gekauft hatte... Aber die hat sie wohl nie getragen... weil sie ihr zu schade dafür waren...
Und eben diese Hausschuhe sollte ich jetzt holen... damit sie sie mit in's Krankenhaus nehmen kann... und sich dort nicht wegen der löchrigen alten Schuhe schämen muss...
Ja und... so unwichtig das in diesem Moment auch war... weil ich wusste, daß ihr das wichtig ist, habe ich ihr die neuen Schuhe geholt... und sie ihr gezeigt und gesagt, daß ich sie habe und sie ihr in's Krankenhaus bringen werde...
Und ich glaube das waren dann die letzten Worte die sie mit mir geredet hat... daß ich ihre neuen Hausschuhe holen soll...
Sie wurde dann in eine flexible Trage gepackt... und mühsam durch die mit viel zu vielen Möbel viel zu voll gestellte Wohnung nach draußen gebracht... dort in eine Krankentrage mit Rädern verladen.... dabei mit Atemmaske beatmet... und so in den Rettungswagen verladen...
Und ich konnte nichts mehr tun... und musste zurück bleiben...
Als ich dann wieder alleine war, habe ich schnell das Gröbste des zurückgelassenen Chaos aufgeräumt... und dann ihre Sachen gepackt... damit sie was hat im Krankenhaus... und darauf geachtet, daß ich nur gute Sachen einpacke... nichts altes und verflicktes... was besonders bei den Hosen schwierig war... außerdem waren die ihr auch noch alle zu groß geworden... weil sie in den letzten Monaten stark abgenommen hat...
Ich hab also alles in eine ihrer ewig nicht mehr gebrauchte braune Reisetasche gepackt... und die guten Hausschuhe in meinen Rucksack... und habe alles Mühsam zum Zug und im Nachbarort vom Bahnhof zum Krankenhaus geschleppt...
Dort wurde mir dann gesagt, daß sie auf der Intensivpflegestation ist...
Und da musste ich dann lange lange warten, weil "an ihr gearbeitet" würde, wie man mir sagte...
Als ich dann endlich zu ihr durfte... da war sie in's künstliche Koma versetzt... und wurde künstlich beatmet... und auch sonst sahen ihre Werte auf dem Monitor, soweit ich das beurteilen konnte nicht wirklich gut aus... Die Herzfreqenz war zu hoch... und ein anderer Wert war ständig zu niedrig... vielleicht war es der Blutdruck... ich weiss es nicht...
Jedenfalls durfte ich dann eine Weile neben ihr sitzen und soweit das bei all den Kanülen usw. ging ihr die Hand halten... auch wenn sie davon vielleicht nichts spürte, weil sie ja betäubt war...
Und ich bekam dann natürlich auch keine Reaktion von ihr...
Und sie sah schlecht aus... ein schlaffer und gleichzeitig immer noch zu dicker Körper...
Verbraucht ist vielleicht der treffendste Ausdruck...
Leider musste ich dann bald wieder raus, weil Visite war... und wieder hiess es warten...
Schließlich kam eine Ärztin zu mir, die mir sagte, daß meine Mutter wie ich schon wusste Probleme mit der Lunge hatte - wieder Wasser in der Lunge nehme ich an, weil sie ja die Medikamente dagegen nicht mehr genommen hatte - außerdem hatte sie wohl auch was am Herzen gehabt... also vermutlich einen kleinen Infarkt an dem Tag... aber so ganz sicher schienen sie sich da auch nicht zu sein... Und es war dann auch noch die Rede von einem Infekt irgendwo im Körper...
Ja und sie wüssten nicht, was werden würde... aber meine Mutter würde mindestens noch am nächsten Tag im künstlichen Koma bleiben...
Und ihre Sachen konnte ich nicht da lassen, weil sie auf der Intensivstation dafür keinen Platz hätten...
Also habe ich ihre braune Tasche mit ihren guten Sachen wieder genommen und wieder nach Hause getragen...
Und ich hatte kein gutes Gefühl dabei... gar kein gutes Gefühl...
Ich hatte schließlich schon lange befürchtet, daß sie nicht mehr lange leben würde... und ich habe gesehen wie sie in den letzten drei Monaten rapide verfallen ist...
Ich hatte schon erwartet, daß sie wohl nicht mehr lebendig aus dem Krankenhaus kommen würde...
Am nächsten Tag dann kam gleich morgens die Frau vom Pflegedienst... bei der ich ja erst am Tag vorher noch war... Ich hatte am Mittwoch keine Zeit mehr gefunden ihr abzusagen...
Ja und sie fand dann nur noch das leere Bett meiner Mutter vor... und meinte man sollte trotzdem schon mal ein Pflegebett und einen neuen Toilettenstuhl beantragen, damit man die Sachen dann hätte, wenn man sie braucht...
Ich wollte dann erst am Nachmittag im Krankenhaus anrufen... weil ich ja wusste, daß sie wohl nicht bei Bewusstsein wird an dem Tag... und fragen, ob sich etwas an ihrem Zustand geändert hat...
Aber... vorher bekam ich einen Anruf... in dem mir gesagt wurde, daß sie an diesem Donnerstag mitten in der Nacht, in der 'Geisterstunde' zwischen Mitternacht und ein Uhr Nachts gestorben ist...
20 Jahre lang... 20 lange Jahre hat sie unter ihren kaputten Gelenken gelitten...
20 Jahre lang hat sie sich deshalb faktisch selber hier im Haus eingesperrt, konnte sie wegen ihre kaputten Gelenken nicht mehr raus und unter Menschen...
20 Jahre lang hatte sie Schmerzen...
20 Jahre lang hat sie immer mehr abgebaut, weil sie sich fast nicht mehr bewegt hat, wegen den Schmerzen...
Und das alles nur, weil sie nicht in's Krankenhaus wollte... weil sie immer Angst hatte, daß sie da nicht mehr lebendig raus kommen würde...
Und so auch in den letzten Monaten...
Alle haben auf sie eingeredet in's Krankenhaus zu gehen, damit man ihr dort richtig helfen kann... was zuhause nicht möglich war...
Aber so wollte einfach nicht...
Erst dann, als schon alles zu spät war, hat sie sich dann doch dazu bereit erklärt... und ist dann schließlich tatsächlich dort gestorben... weil sie viel zu lange gewartet sich viel zu oft geweigert hat da hin zu gehen...
Oh Mamma! Warum nur...? Warum hast du nie hören wollen...? Du hättest dir und auch mir so viele Jahre leid erspart...
Du könntest jetzt vielleicht noch selber einkaufen gehen und unter Leute kommen... du hättest vielleicht noch etliche Jahre vor dir gehabt... Jahre ohne ständige Schmerzen... wenn du nur nicht so stur und ängstlich gewesen wärst und rechtzeitig schon vor 20 Jahren in's Krankenhaus gegangen wärst um dir dort helfen zu lassen...
Aber du wolltest ja nicht... du hast dir nicht helfen lassen... du hast dir nie helfen lassen... und darum war dir auch nicht zu helfen...
Und jetzt sitzte ich hier in unserem Haus... und es ist so still... und stehe vor deinem Bett, daß ich dir erst frisch bezogen hatte... und es ist so leer... und du wirst niemals mehr darin liegen...
Es tut mir so leid Mamma...
Ich hätte dir so gerne geholfen... aber ich konnte ja nicht... du hast es ja nicht zu gelassen...
Und es tut mir leid... wenn ich deine Erwartungen nicht erfüllt habe...
Es tut mir leid... aber ich konnte nicht das Kind sein, daß du dir gewünscht hättest... mit einem guten Beruf... mit einer Schwiegertochter, die sich um dich gekümmert hätte...
Ich konnte auch nicht immer nur für dich da sein... denn ich habe auch mein eigenes Leben, das ich leben musste...
Ich konnte dir auch nicht nach dem Mund reden, wenn du dich über die Welt, die Menschen und dein Leben beklagt hast... denn dazu hätte ich lügen müssen, wenn ich dir zugestimmt hätte... und das konnte und wollte ich nicht...
Ich hoffe nur, daß du gespürt hast, daß ich für dich da bin... gerade in den letzten drei Monaten...
Ich habe versucht dir so viel Liebe, Nähe und Zuwendung zu geben, wie ich konnte in dieser Zeit...
auch wenn da von dir nicht viel zurück kam... wie ich ja nie viel Liebe von dir bekam...
Aber so warst du eben... lieblos... und kontrollierend... wie es eine Therapeutin nach einem Telefongespräch mit dir mal ausdrückte...
Vielleicht konntest du ja nicht anders... ich weiss es nicht...
Aber so wütend du mich oft mit deinem Verhalten auch gemacht hast... mit deiner Wehleidigkeit... der grundlosen Feindseligkeit, dem ewigen Jammern und Meckern...
Ich habe dich trotzdem geliebt... denn ich bin dein Kind... und du warst meine Mutter...
Und es tut mir wahnsinnig weh, dich jetzt verloren zu haben...
Ich wünschte du hättest nicht im Krankenhaus sterben müssen... und ich wünschte ich hätte noch Abschiede von dir nehmen können...
Ich danke dir für alles, was du mir gegeben und ermöglicht hast...
Gestern war ich beim Bestatter... und habe dir gute Sachen in deine brauen Reisetasche gepackt... auch die neuen Hausschuhe, die du im Leben nie getragen hast...
Jetzt wirst du sie im Tod tragen...
Das hat fast schon eine gewisse Symbolkraft für dein ganzes Leben...
Dein Leiden ist jetzt zuende Mamma...
Ich bin nur froh, daß du nicht sehr lange leiden musstest... und nicht noch jahrelang zum Pflegefall geworden bist... das wäre schlimm gewesen... für dich und für mich...
Oh Mamma... ich wünschte es wäre alles ganz anders gekommen... besser... aber es war deine Entscheidung es so zu machen...
Jetzt hast du deinen Frieden gefunden...
Für mich fangen die (nächsten) Probleme jetzt erst an...
Ruhe in Frieden Mamma!
Dein Kind
Klaudia... früher Klaus, wie du mich bis zuletzt genannt hast...
ja... seit fast 2 1/2 Monate habe ich hier keinen neuen Beitrag mehr geschrieben...
Das ist meine mit weitem Abstand längste Blogpause...
Und ehrlich gesagt war ich mir selbst nicht sicher, ob ich das Bloggen nicht vielleicht ganz aufgegeben hatte...
Aber... das ist wohl doch nicht der Fall... wie ihr seht...
Denn... das was hier in den letzten Monaten los war liegt mir auf dem Herzen... und ich habe das Bedürfnis davon zu erzählen...
Darüber zu reden... was ich schon getan habe... und es mir eben auch vom Herzen zu schreiben...
Und genau dafür ist unter anderem dieser Blog ja da...
Hier will ich also von EINEM der Gründe dafür erzählen, warum es mir in letzter Zeit so schlecht ging... und ich nebenbei auch keine Zeit und keinen Kopf zum Bloggen hatte...
Das ist wie gesagt nur EINER der Gründe...
Daneben gibt es noch eine ganze Reihe andere...
Aber das war der wichtigste und dringendste...
Und wie der Titel des Beitrags schon andeutet geht es um meine Mutter...
Ihr ging es ja schon länger nicht gut...
Eigentlich ging es ihr noch NIE gut, so lange ich sie kenne...
Wobei das bei ihr ja immer schwer einzuschätzen war, wie es ihr wirklich ging... weil sie IMMER geklagt hat... auch über objektiv völlig nichtige Dinge...
Jedenfalls... früher war es im wesentlichen nur ihr Asthma, das ihr Probleme machte... und auch das nicht immer... ansonsten war sie einigermaßen gesund...
Aber vor ungefähr 20 Jahren gingen die ECHTEN Probleme dann los...
Denn da waren ihre Knie- und Hüftgelenke dann so verschlissen, daß sie nicht mehr richtig laufen konnte... und nur unter Schmerzen...
Sie hat mal gesagt, sie hätte sich die kaputt gemacht, weil sie putzen gegangen sei um Geld zu verdienen um uns - ihr Kinder - aufzuziehen...
Das hat mich sehr getroffen... denn damit hat sie ja MIR die Schuld an ihren Problemen gegeben...
Das war auch ganz typisch für meine Mutter...
Sie hat ihre Probleme immer anderen angelastet...
Das ist bequem...
Wenn man Anderen die Schuld gibt, muss man nicht auf sich selber wütend sein... sondern kann Andere anklagen...
Und man muss nichts tun um etwas an seinen Problemen zu ändern... denn man selber kann ja nichts dafür... angeblich...
Und das war dann auch der Kern der Probleme meiner Mutter...
Sie hat sich selbst entlastet, indem sie ihre eigene Verantwortung für ihre Probleme von sich weg geschoben hat... und dadurch auch jegliche Lösung ihrer Probleme verhindert...
Denn... um seine Probleme zu lösen muss man sich erstmal eingestehen, daß man selbst dafür verantwortlich ist... und es darum an einem selber liegt auch etwas daran zu verändern...
Jedenfalls... auch in diesem Fall war es ganz sicher nicht der Putzjob, mit dem meine Mutter sich ihr Gelenke kaputt gemacht hat - zumal das sowieso nur ein paar Stündchen in der Woche waren - sondern es war schlicht und einfach ihr großes Übergewicht...
Meine Mutter sagte immer sie würde 100 Kilo wiegen...
Als ich das mal meinem Bruder erzählte hat der aber nur gelacht... denn es war mit Sicherheit mehr...
Wie viel genau weiss ich nicht... denn so lange ich lebe war sie NIE auf der Waage...
Auch das ganz typisch für sie... Sie hat sich eben nie um ihre Gesundheit gekümmert... nie etwas dafür getan, daß es ihr in Gegenwart und Zukunft körperlich gut geht getan...
Realistischer dürfte jedenfalls nicht 100 sondern eher so 130, 140, 150 Kilo sein... vielleicht sogar noch mehr...
Und das machen die Gelenke einfach nicht auf dauer mit...
Und körperlich aktiv war sie auch nicht so wahnsinnig viel...
Nein... faul war sie auch nicht... den Haushalt hat sie schon ordentlich gemacht... aber sonst war da nicht viel mit Bewegung bei ihr...
Und wenn man schon so großes Übergewicht hat... dann
sollte man zumindest körperlich aktiv sein...
Denn Übergewicht ist nicht per so schlecht...
Menschen mit leichtem Übergewicht - und das zeigt die perverse Dimension des Begriffes 'Übergewicht', den wir derzeit haben - leben sogar am längsten... länger als 'Normalgewichtige' und Dünne...
Nur starkes Übergewicht ist wirklich ungesund...
Ja und ein körperlich aktiver Übergewichtiger lebt immer noch gesünder als ein dünner Bewegungsmuffel!
Nur... Übergewichtig UND körperlich nicht aktiv... das ist wirklich doppelt schlecht für die Gesundheit...
Und die Folgen bekam meine Mutter dann so ab Ende der 80-er Jahre zu spüren...
Durch ihr starkes Übergewicht gingen allmählich die Gelenke kaputt... sie konnte immer schlechter laufen... es dauerte nur wenige Jahre, bis sie dann nicht mehr zum Einkaufen gehen konnte und ich das übernehmen musste...
Damals als das alles anfing, hatte ich gerade mein Abitur gemacht... und es war Zeit für mich aus dem Haus zu gehen...
Ich war dann ein Jahr an der Uni Konstanz am Bodensee... stellte dann aber fest, daß das Studium nicht das Richtige für mich war...
Und weil es meiner Mutter inzwischen merklich schlechter ging und sie nicht mehr alleine klar kam, habe ich mich dann entschlossen mir einen Studienort in unserer Nähe zu suchen... damit ich ihr helfen konnte... weil ja sonst niemand da war, der sich viel um sie gekümmert hätte...
Damals habe ich ihr auch gesagt, sie solle doch in's Krankenhaus gehen... und sich operieren lassen... sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen lassen...
Das vor allem machte ihr damals Probleme...
Dann würde sie endlich wieder richtig und ohne Schmerzen laufen können...
Aber sie wollte nicht... sie wollte absolut nicht in's Krankenhaus...
Sie hatte Angst davor... meinte immer, da käme sie nicht wieder lebendig raus...
Dabei war sie damals erst knapp über 60... und noch vergleichsweise fit...
Woher diese Angst kam... Ich weiss es nicht...
Sie war nie im Krankenhaus... kann da also auch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben...
Jedenfalls... ich sah damals schon voraus, wie es sonst gehen würde...
Sie würde immer schlechter laufen können, weil der Verschleiss und damit die Schmerzen ja nicht besser sondern schlechter werden ohne Operation...
Als Folge würde sie sich immer weniger bewegen...
Dadurch würde sie immer schlaffer und kraftloser werden... sich deshalb noch weniger bewegen...
Und so weiter... und so fort... bis sie irgendwann gar nicht mehr könnte
Ein Teufelskreis...
Ja und genau so kam es da auch... nur noch viel schlimmer, als ich es mir damals ausgemalt hatte...
Wenn ich damals schon gewusst hätte, was da in den nächsten 20 Jahren noch auf mich zukommen würde....
ich glaube ich hätte schreiend die Flucht ergriffen... wäre Hals über Kopf ausgezogen, hätte mir irgendwo weit weg ein Studentenzimmer genommen und wäre nie wieder zurück gekommen... so unerträglich war die Zeit mit ihr oft...
Obwohl... ich weiss nicht, ob ich es selbst mit diesem Wissen fertig gebracht hätte sie alleine zu lassen...
Wahrscheinlich nicht...
Aber für mich wäre es auf jeden Fall besser gewesen... denn die letzten 20 Jahre waren für mich durch meine Mutter eine enorme Belastung...
Und das wo ich auch ohne sie so viel eigene Probleme hatte, die mich fast erdrückten...
Jedenfalls wurde es im laufe der Zeit, genauso wie von mir befürchtet immer schlimmer...
Bald konnte sie nicht mehr einkaufen gehen...
Das war eines der ersten Dinge, die ich für sie unternehmen musste... und dann nach und nach immer mehr...
Viel schlimmer war allerdings ihr Verhalten...
Meine Mutter war schon immer... schwierig... vorsichtig ausgedrückt...
Ihre Art mit anderen Menschen und vor allem auch über andere Menschen zu reden habe ich immer mit zwei Worten umschrieben:
Jammern und Meckern...
Sprich... von ihr kam immer nur negatives... den lieben langen Tag von morgens bis abends...
Jeden Tag... jeden Monat... jedes Jahr...
Alle sind so böse... alles ist so schlecht...
Diese Mischung aus Wehleidigkeit, Feindseligkeit, Undankbarkeit, Uneinsichtigkeit... und anderen unschönen Zutaten... DIE vor allem war es, die mir das Leben in den letzten 20 Jahren - und auch die 20 Jahre meines Lebens davor schon... - so schwer gemacht hat...
Wie viel leichter hätte alles sein können... für mich UND für sie... wenn meine Mutter freundlich und vernünftig... einfach weniger negativ allem gegenüber eingestellt gewesen wäre...
Aber so war sie nun mal.... immer schon...
Ich habe nie verstanden, wo all dieser Groll her kam... und wie man mit so viel Feindseligkeit und mit so vielen Lebenslügen leben kann...
So ging das also... tagein, tagaus... immer nur jammern und meckern... 20 Jahre lang... immer nur "Mir geht es sooooooo schlecht" (weil da eine Mücke über die Wand gekrabbelt ist... oder aus ähnlich wichtigen Gründen...) und "Alle sind sooooo böse zu mir" ("Nur ich bin die einzig wahre GUTE!")... und "Klaus tu dies" und "Klaus tu das!"... Klaudia hat sie mich nie genannt... aber das war mir ja schon von vorne herein klar... ich kenne schließlich meine Mutter...
Und ein Wort des Dankes... oder Lob oder überhaupt freundliche Worte... die bekam ich von ihr praktisch nie zu hören... alle Jahre wieder einmal vielleicht...
So gingen die Jahre dahin...
Nachdem sie ziemlich bald schon nicht mehr einkaufen gehen konnte, bestand ihre einzige Abwechslung darin, daß ich sie ab und zu mit dem Auto zum Essen auswährts ausgefahren habe...
Aber auch das wurde immer schwieriger, da sie immer schlechter gehen und vor allem irgendwann kaum noch Treppen steigen konnte...
In einer Wirtschaft, wo wir oft waren ging es eine ziemlich lange Treppe hoch...
Und das muss schon ein paar Jahre her sein, daß wir das letzte Mal dort waren... danach ging es nicht mehr...
Danach mussten es dann Wirtshäuser sein wo ich nahe des Eingangs halten konnte... und es möglichst wenige Stufen hoch ging...
Und selbst nur ein, zwei Stufen waren dann schon ein Problem für sie...
Und leider gottes ist dann vor ein paar Jahren unser alter Hausarzt in den Ruhestand gegangen...
Und zu seinm Nachfolger - einem Ärztepaar - wollte meine Mutter nicht gehen... bzw. sie nicht zu sich kommen lassen, denn in deren Praxis zu gehen wäre sowieso schon zu schwer für sie gewesen...
Also kam es, wie es kommen musste...
Irgendwann waren die alten Medikamente aufgebraucht... bzw. hat sie die restlichen einfach gar nicht mehr genommen... bzw. sie wohl für den 'Notfall' aufgespart, vermute ich mal...
Nur daß es im Notfall dann zu spät ist... weil man die Medikamente vorher und regelmäßig einnehmen muss, damit sie was bringen...
Und so fand sich meine Mutter dann im letzten November plötzlich auf dem Boden ihres Wohnzimmers wieder... weil ihr als sie auf der Eckbank lag und dort den Tag verdöste pötzlich schwarz vor Augen geworden war...
Wahrscheinlich ist sie damals in's Zuckerkoma gefallen... weil ihre Zuckerwerte irrsinnig hoch waren...
weil sie ja ihre Medikamente dagegen nicht mehr genommen hatte...
Aber das wusste ich damals alles noch nicht...
Sie hätte auch gleich tot umfallen können... bei ihren Werten...
Ja und so habe ich sie dann da gefunden... und vergeblich versucht sie wieder hoch zu bekommen...
Sie hatte zwar auch damals schon an Gewicht verloren... war aber immer noch sehr schwer... zu schwer sie hoch zu heben... zumals sie mal wieder... sagen wir mal nicht gerade kooperativ war...
Und ich bin auch längst nicht mehr so stark, wie ich früher mal war... nach dem was ich in den letzten Jahren so alles mitgemacht habe...
Alleine hatte ich keine Chance sie hoch zu heben... und habe mir dabei dann auch noch Schulterprobleme eingehandelt bei dem Versuch... an denen ich bis heute herum mache...
Erst als ich meinen Bruder erreicht habe konnten wir sie dann gemeinsam hoch heben...
Danach hat mein Bruder dann den Arzt bestellt...
Aber als der dann kam... hat meine Mutter sich geweigert ihn rein zu lassen...
Und so blieb sie also weiter ärztlich und medikamentös unversorgt... aus purer Sturheit und Dummheit...
Damals ging es ihr noch vergleichsweise gut...
Zwar konnte sie nur noch ganz schlecht laufen... aber sonst gab es keine wirklich akuten Probleme.
Aber daß ihr Herz schwach war... das wussten wir ja schon lange... und daß sie Zucker hatte auch...
Nur... wie schlecht ihre Werte aktuell dann waren... das wusste kein Mensch, weil sie ja schon ewig keinen Arzt mehr an sich heran gelassen und keine Medikamente mehr genommen hatte...
Hätte man sie damals behandelt und gut eingestellt... sie hätte vielleicht noch etliche Jahre ganz gut und ohne größere Probleme leben können...
Aber sie hat es ja nicht zugelassen... und zwingen konnte man sie nicht...
Und so kam es, wie es kommen musste...
In diesem Jahr hab ich dann noch zweimal ein Auto gemietet - ein eigenes habe ich ja schon lange nicht mehr - um mit ihr Essen zu fahren, damit sie wenigstens ab und zu mal raus kommt und ein wenig Freude hat...
Wobei ich das wirklich NUR für SIE gemacht habe...
Ich hatte da überhaupt keine Lust drauf... ganz im Gegenteil...
Für mich bedeutet das immer einen ganzen Tag Stress...
Auto holen, mit ihr weg fahren, sie wieder heim bringen, Auto wieder weg bringen... und das wo ich auch nicht gerne Auto fahre...
Und der Spaß kostet dann auch jedes mal fast 100 Euro für Automiete und Essen...
Nein für mich habe ich das wahrlich nicht gemacht...
Na ja... bis dahin ging es ihr - den Umständen entsprechend - noch ganz gut...
Sie hatte zwar Probleme auch nur die fünf Meter von der Straße zum Wirtshaus und dann die paar Stufen dort hoch zu gehen... aber das war die letzten Jahre ja auch schon so gewesen...
Und sonst war sie für ihre Verhältnisse fit...
Den letzten Ausflug haben wir im Mai gemacht... und ich wollte wieder mit ihr fahren, sobald die größte Sommerhitze vorbei war und bevor es kalt wurde...
Aber dazu kam es nicht mehr...
Es war wohl noch im Juli... irgendwann in der zweiten Monatshälfte, also nach unserem Himbeertörtchen-Essen, als es meiner Mutter dann plötzlich deutlich schlechter ging...
Sie klagte über Schmerzen im Rücken... und diesmal war das nicht nur ihr übliches Jammern, sondern es ging ihr richtig schlecht... und ab da verließen sie dann auch die Kräfte... konnte sie vieles, wie Backen, Sonntags kochen und Anderes, was sie bisher all die Jahre noch gemacht hatte, dann bald nicht mehr machen...
Aber auch da wollte sie nicht zum Arzt und nicht in's Krankenhaus... und zwingen konnte man sie nicht...
Ja wenn sie einfach umgekippt wäre... dann hätte ich nicht gefragt, sondern einfach den Notarzt gerufen... aber das ist sie nicht...
Schließlich, ich weiss nicht ob es noch im Juli oder schon Anfang August war, ging es ihr so schlecht, daß ich mir so große Sorgen machte... daß ich es einfach nicht mehr verantworten konnte noch länger zu warten...
Es war Freitag morgens... und ich hatte Angst, daß sie womöglich nicht das Wochenende überleben würde... und das wollte ich einfach nicht riskieren...
Also habe ich mich kurzfristig entschlossen meine Chefin zu fragen, ob ich gehen darf... bin auf dem Heimweg beim Hausarzt vorbei gegangen und haben ihm das Problem erklärt... und zuhause habe ich meiner Mutter gesagt, daß ich beim Arzt war und er nachher vorbei kommen will... und endlich endlich war sie bereit dazu ihn zu sich zu lassen...
SO schlecht ging es ihr offenbar schon...
Der Arzt hat dann festgestellt, daß sie Wasser in der Lunge hat, ihr Herz rast und die Werte auch sonst so schlecht sind, daß sie eigentlich gleich in's Krankenhaus müsste...
Das wollte sie aber nicht... wie gehabt...
Also wollte er, daß sie zumindest in seine Praxis kommt, damit er ein EKG machen und sie auch sonst ordentlich untersuchen kann...
Das haben mein Bruder und ich dann - es war wohl am Montag darauf - mit hängen und würgen gerade noch so geschafft, sie dahin zu bringen...
Es war hart an der Grenze des Machbaren... und alleine hätte ich das gar nicht schaffen können... weil meine Mutter so schlecht laufen konnte und schon so geschwächt war...
Und dort waren vor allem ihre Herzwerte so katastrophal - Herzschlag so um die 160 in der Minute und es war glaube ich auch von Vorhofkammerflimmern die Rede, während des EKG'S... - daß sie eigentlich ganz dringend und SOFORT in's Krankenhaus hätte gebracht werden müssen...
Das hat ihr der Arzt eindringlich gesagt, ich habe es ihr gesagt und mein Bruder hat es ihr gesagt...
Aber sie wollte nicht... sie wollte einfach nicht...
Da dachte ich schon, daß sie womöglich jeden Moment tot umfällt...
Aber noch war es nicht soweit...
Also ging es wohl oder übel wieder mit ihr nach Hause...
Ich habe ihr ihre Medikamente besorgt... und darauf geachtet, daß sie die auch einnimmt...
Die Ärztin kam dann zum Hausbesuch... und die Herzwerte meiner Mutter waren dank Medikamenten tatsächlich deutlich besser geworden...
Nur der Zucker war immer noch "katastrophal" hoch, wie die Ärztin sagte... Die Tabletten schienen da irgendwie gar nicht zu wirken...
Insulin wollte sie ihr aber möglichst nicht geben, weil sie meinte, das würde vermutlich mehr schaden als nützen beim angeschlagenen Zustand meiner Mutter...
Jedenfalls mussten wir jederzeit damit rechnen, daß sie wieder - wie wohl damals im November schon einmal - in's (Über)zuckerkoma fallen könnte... und dann vielleicht nicht mehr daraus aufwachen würde...
Danach hatte der Hausarzt erstmal drei Wochen Urlaub... und ich hoffte, daß in dieser Zeit nichts passieren würde... und war heilfroh, daß meine Mutter ihre Medikamente nahm...
Tatsächlich ist in der Zeit nichts schlimmes passiert...
Eine Zeit lang ging es meiner Mutter sogar wieder besser...
Das Wasser wurde wohl aus der Lunge ausgeschieden, wie es sein sollte... aber dann... aus mir unbekannten Gründen, und obwohl sie ihre Medikamente auch weiter nahm, wurde es wieder schlechter...
Zwar nicht so schlecht wie damals, als ich den Arzt gerufen habe... aber merklich schlechter...
Sie hatte keine akute Schmerzen, wurde aber wieder schwächer...
Während sie zwischendurch eine Zeitlang manchmal auch wieder alleine vom Schlafzimmer zum Wohnzimmer gegangen war, brauchte sie jetzt wieder immer meine Hilfe dazu...
Schließlich war der Praxisurlaub beendet... und die Ärztin kam wieder zum Hausbesuch...
Die Herzwerte meiner Mutter waren für ihre Verhältnisse in Ordnung... nur an den Zuckerwerten hatte sich leider gar nichts verbessert...
Keine Ahnung warum die Tabletten nicht gewirkt hatten...
Ja... und seit dem Tag, als die Ärztin da war hat meine Mutter dann keine ihrer Tabletten mehr genommen... keine einzige mehr...
Warum... ich weiss es nicht...
Sie meinte mal zu mir, sie würde sich ja immer sagen, daß sie sie nehmen müsste... aber sie würde sie nicht mehr runterbringen...
Meine Mutter ist doch so überempfindlich... und macht sowieso aus jedem Tablettchen, das sie nehmen muss eine Tragödie...
Vielleicht war der eigentliche Grund ja aber auch, daß sie das Gefühl hatte die Tabletten würden ihr sowieso nicht mehr helfen...
Oder... vielleicht wollte sie ja bewusst oder unbewusst sterben... und hat deswegen die Tabletten nicht mehr genommen...
Sie hat ja auch geäußert, das sei "kein Leben mehr"... und - obwohl sie nicht wirklich gläubig war - Gott gebeten sie wieder gesund werden zu lassen... oder sterben zu lassen...
Inzwischen war es schon September... und ihr Zustand hatte sich dann auf niedrigem Niveau wieder einigermaßen stabilisiert...
Den Arzt rufen bringt nichts... Die Ärztin war ja erst da... aber meine Mutter nahm ja die Medikamente nicht, die ihr verschrieben wurden... und in's Krankenhaus würde sie schon gar nicht gehen, obwohl ihr alle eindringlich dazu geraten hatten... mehr als einmal...
Aber nicht nur für sie... auch für mich waren die letzten ungefähr drei Monate seit etwa Mitte Juli eine schwere Zeit...
Ich hatte ja eigentlich ganz andere Pläne... wollte jetzt etwas für meine berufliche Zukunft tun...
Aber das ging dann gar nicht mehr... Ich musste mich ja ständig um meine Mutter kümmern... habe immer nach ihr geschaut, für sie gekocht, sie aus dem Bett in's Wohnzimmer und zurück gebracht mehrmals am Tag, damit sie wenigstens noch ein bisschen raus kommt... bin oft über Mittag von der Arbeit nach Hause gekommen um nach ihr zu sehen, obwohl der Weg für mich da eigentlich viel zu weit ist... usw...
Wobei es schwierig war sie überhaupt dazu zu bringen wenigstens etwas zu essen und zu trinken...
Da war keine Kraft und fast keine Zeit mehr für Anderes...
Vor allem auch darum war hier in den letzten Monaten fast nichts mehr von mir zu lesen...
Nur ein paar mal bin ich doch raus gegangen... denn immer nur bei ihr zuhause sitzen... das ging nicht...
Ich hatte ja auch Verpflichtungen... und ich wollte wenigstens ab und zu auch mal Freunde treffen... um auch mal auf andere Gedanken zu kommen...
Ja und dann kam der Freitag vor einer Woche... an dem sie sich weigerte aufzustehen und ihr Schlafzimmer zu verlassen...
Und am Samstag letzter Woche konnte ich sie dann gar nicht dazu bewegen etwas zu essen...
Das einzige, was sie da zu sich nahm war der Tee, den ich ihr immer kochte und in einer Thermoskanne an ihr Bett stellte, damit sie immer was zu trinken hat... auch wenn ich mal nicht da sein kann...
Am letzten Sonntag hat sie dann zwar wieder ein bisschen was gegessen... aber sie war schon so geschwächt, daß sie Mühe hatte auch nur alleine aus dem Bett und vor allem wieder rein zu kommen... in's Wohnzimmer hätte sie es da wohl wirklich nicht mehr geschafft...
Am Montag habe ich sie dann gefragt, ob sie nicht doch in's Krankenhaus will...
Denn... in den Wochen davor hatte sie mehrfacht gemeint, daß es vielleicht doch besser gewesen wäre, wenn sie damals in's Krankenhaus gegangen wäre, als der Arzt sie einliefern lassen wollte...
Also hatte ich die Hoffnung, daß sie jetzt, wo es ihr wieder deutlich schlechter ging, endlich gehen würde... aber nein... da war nichts zu machen... sie wollte einfach nicht... immer noch nicht...
Diese Woche habe ich mich dann darum bemüht Hilfe zu bekommen... für ihre Pflege...
Ich war beim Arzt, bei der Krankenkasse, bei der Sozialstation und bei einer Beratungsstelle um alles zu organisieren...
Bis letzte Woche konnte ich mir noch alleine behelfen... aber nachdem sie kaum mehr aus dem Bett kam, war das auf Dauer nicht mehr möglich...
Den Antrag bei der Pflegekasse hatte ich schon sechs Wochen vorher gestellt... und jetzt war er endlich genehmigt worden...
Am Mittwoch war ich bei der Sozialstation... und die Frau von dort wollte dann am Donnerstag vorbei kommen... um zu schauen, was wir alles für Pflegehilfsmittel benötigen, damit wir das beantragen können... und um mir beim Waschen meiner Mutter zu helfen... denn allein konnte ich das nicht... dazu war sie zu schwer... und das Badezimmer für sie inzwischen ohne Hilfe unerreichbar...
Ebenfalls am Donnerstag wollte die Ärztin wieder einen Hausbesuch machen...
Inzwischen war die Situation so, daß ich ihr schon helfen musste, wieder in's Bett zurück zu kommen... alleine schaffte sie das kaum noch...
Und diese Woche musste ich sie dann auch noch füttern, weil sie es alleine nicht mehr schaffte zu essen...
Ich kochte ich dann das wenige, was sie noch essen konnte... weichgekochte Eier, Brei, Suppe...
Und ich kremte ihre wunden Stellen ein... mit Zinksalbe... dort wo die Haut wund geworden war, weil der große schlaffen Hautlappen ihres Bauches der ehemals kugelrund gewesen war und jetzt weit herunter hing auf der Haut scheuerte und drückte...
Das hatte sie mir erst am Montag gezeigt... und es sah wirklich übel aus... eine große rote wundgescheuerte Fläche...
Vorher hatte ich das nicht sehen können... weil ja ihre Bauchhaut wie ein Vorhang darüber hing...
Wenn man dagegen nichts tat, würde sich wahrscheinlich sogar ein Dekubitus daraus entwickeln...
Am Donnerstag wollte ich das dann der Ärztin und der Pflegerin zeigen und fragen, was man da machen kann...
Am Dienstag hatte ich noch ihr Bett abgezogen, damit ich es waschen kann... und neu bezogen für sie, damit sie wieder in einem sauberen Bett liegen kann...
Das wollte ich schon vorher machen... aber sie ließ mich ja nicht in den Tagen vorher wo sie praktisch ständig im Bett lag...
Und ich war froh, wenn es Donnerstag war, damit ich sie mit Hilfe der Pflegerin endlich auch wieder waschen konnte... den alleine ging das beim besten Willen nicht...
Am Mittwoch morgen habe ich ihr dann noch zwei weiche Eier gekocht... und sie nur mit dem Gelben davon gefüttert... weil sie das weisse nicht mehr essen mochte...
Ich habe ihre Wunden stellen eingecremt...
Danach war ich kurz weg, bei der Sozialstation um die Pflege zu organisieren...
Und ich meinte da schon, daß es wohl keinen Sinn hätte bei uns noch die Wohnung um zu bauen... oder meine Mutter in ein Heim zu bringen...
Weil man ihr damit mehr Stress als Nutzen verursachen würde...
Denn... ich rechnete nicht damit, daß sie noch lange leben würde...
Schon Anfang des Jahres hatte ich zu Thomas gesagt, daß es gut sein kann, daß sie nicht mal mehr ihren letzten Geburtstag im Dezember erleben wird...
Und damals ging es ihr noch vergleichsweise richtig gut...
Jetzt - letzte Woche - rechnete ich allenfalls noch mit ein paar Monaten...
Denn... nicht nur ihre Werte waren schlecht... sie sah auch schlecht aus... sehr schlecht...
Das Gesicht eingefallen... in den letzten Monaten um etliche Jahre gealtert...
Die Augen rot unterlaufen...
Der Körper ehemals kugelrund... jetzt schwach und kraftlos... mit hängendem Bauch und schlaffen Brüsten die nur noch Hüllen aus Haut sind...
Die Arme dagegen dünn... und selbst gemeinsam mit den Beinen zusammen kaum noch in der Lage ihren Körper auch nur zu stützen...
Immer noch zu dick... nicht ausgemergelt und hager, wie meine Großmutter damals als es mit ihr zuende ging... aber eben sichtbar verfallend...
"Ich muss sterben", sagte sie am Montag, als ich sie fragte, ob sie nicht doch in's Krankenhaus wollte... und das war leider eine realistische Einschätzung...
Dann am Mittwoch... als ich von der Sozialstation wieder zuhause war, habe ich mich um sie gekümmert... dann noch gefragt, ob ich irgend etwas für sie tun kann...
Und als sie verneinte bin ich raus gegangen um Wäsche aufzuhängen...
Da war noch alles normal...
Aber kaum war ich draußen... da hörte ich sie drinnen schon rumoren durch das Schlafzimmerfenster...
hörte wie sie sich offenbar aufsetzte im Bett... hörte sie jammern... und schließlich "Bitte lieber Gott, hilf mir, hilf mir doch!" sagen... immer wieder...
Und da war mir klar, daß es ihr gar nicht gut geht...
wenn sie die mit Religion nichts am Hut hatte, schon Gott um Hilfe ruft...
Ich bin dann gleich wieder rein um nach ihr zu sehen... und offenbar hatte sie Probleme mit dem Atmen... obwohl nicht mal 5 Minuten vorher noch nichts ungewöhnliches war...
Ich habe dann den Arzt gerufen... und der ist auch gleich gekommen...
Das war kurz vor 12 Uhr... und es ging ihr SO schlecht, daß er sie unbedingt in's Krankenhaus bringen lassen wollte...
Und meiner Mutter ging es diesmal offensichtlich SO schlecht, noch viel schlechter als damals als wir mit ihr in der Arztpraxis waren, daß sie diesmal einverstanden damit war... und DAS sagt eigentlich alles darüber, WIE schlecht es ihr gegangen sein muss...
Ich dachte da schon, daß sie uns jetzt gleich stirbt so schlecht sah sie aus...
Sie konnte sich auch nicht mehr richtig artikulieren und hatte kaum kraft sich noch zu bewegen... starrte aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin und hatte die Arme mühsam ein Stück ausgestreck... Richtung Bettrahmen... vielleicht weil sie sich daran hoch ziehen wollte... Ich weiss es nicht... Ich konnte sie ja nicht mehr fragen...
Ich hab ihr dann den feuchten Waschlappen zur Kühlung auf die Stirn gelegt, den sie seit Monaten immer dafür an ihrem Bett haben wollte... aber das wollte sie wohl auch nicht... und dann musste ich raus um Notarzt und Rettungswagen einzuweisen, während der Hausarzt sich weiter um meine Mutter bemühte...
Der Notarzt und Rettungswagen waren dann auch schnell da... und plötzlich standen... ich weiss gar nicht mehr so sechs Leute außer mir in ihrem Schlafzimmer...
Hastig wurde ihr Toilettenstuhl und alles Andere was da noch im Weg stand wurde hastig beiseite geschoben, damit sie sich um sie kümmern könnten...
Medikamente wurden gespritzt, ein EKG wurde mit einem mobilen Gerät gemacht...
Und... ich hab den Ausdruck, der hier liegen blieb aufgehoben... Ich bin medizinischer Laie... aber selbst ich kann da sehen, wie schlecht es um sie stand...
Die Kurven sind extrem unregelmäßig... der Herzschlag teilweise über 200 wenn ich die Abkürzung richtig interpretiere...
Ich konnte da leider nicht mehr viel tun...
Ich hätte ihr gerne die Hand gehalten... oder was auch immer... damit sie spürt, daß sie da war... aber dafür waren zu viele Leute da und darum kein Platz...
Sie hat mehrfach meinen Namen gerufen... und ich konnte dann leider nicht mehr tun als ihr sagen, daß ich da bin... und so zu stehen, daß sie mich sehen kann...
Und das letzte was sie dann noch gerade so verständlich sagte war etwas über ihre neuen Hausschuhe...
Und ich wusste was sie meinte...
Sie hatte schon oft gesagt, daß falls sie mal in's Krankenhaus müsste, ich schauen müsste, daß ich ihr gute Sachen einpacken würde... und nicht die alten Dinge, die sie immer aufträgt... statt's sich mal neue zu kaufen...
Wie die alten Leute, die den Krieg noch erlebt haben halt sind...
So war es auch mit den Hausschuhen...
Sie hat zuhause uralte Dinger mit riesigen Löchern getragen... obwohl ich ihr schon vor Jahren neue gekauft hatte... Aber die hat sie wohl nie getragen... weil sie ihr zu schade dafür waren...
Und eben diese Hausschuhe sollte ich jetzt holen... damit sie sie mit in's Krankenhaus nehmen kann... und sich dort nicht wegen der löchrigen alten Schuhe schämen muss...
Ja und... so unwichtig das in diesem Moment auch war... weil ich wusste, daß ihr das wichtig ist, habe ich ihr die neuen Schuhe geholt... und sie ihr gezeigt und gesagt, daß ich sie habe und sie ihr in's Krankenhaus bringen werde...
Und ich glaube das waren dann die letzten Worte die sie mit mir geredet hat... daß ich ihre neuen Hausschuhe holen soll...
Sie wurde dann in eine flexible Trage gepackt... und mühsam durch die mit viel zu vielen Möbel viel zu voll gestellte Wohnung nach draußen gebracht... dort in eine Krankentrage mit Rädern verladen.... dabei mit Atemmaske beatmet... und so in den Rettungswagen verladen...
Und ich konnte nichts mehr tun... und musste zurück bleiben...
Als ich dann wieder alleine war, habe ich schnell das Gröbste des zurückgelassenen Chaos aufgeräumt... und dann ihre Sachen gepackt... damit sie was hat im Krankenhaus... und darauf geachtet, daß ich nur gute Sachen einpacke... nichts altes und verflicktes... was besonders bei den Hosen schwierig war... außerdem waren die ihr auch noch alle zu groß geworden... weil sie in den letzten Monaten stark abgenommen hat...
Ich hab also alles in eine ihrer ewig nicht mehr gebrauchte braune Reisetasche gepackt... und die guten Hausschuhe in meinen Rucksack... und habe alles Mühsam zum Zug und im Nachbarort vom Bahnhof zum Krankenhaus geschleppt...
Dort wurde mir dann gesagt, daß sie auf der Intensivpflegestation ist...
Und da musste ich dann lange lange warten, weil "an ihr gearbeitet" würde, wie man mir sagte...
Als ich dann endlich zu ihr durfte... da war sie in's künstliche Koma versetzt... und wurde künstlich beatmet... und auch sonst sahen ihre Werte auf dem Monitor, soweit ich das beurteilen konnte nicht wirklich gut aus... Die Herzfreqenz war zu hoch... und ein anderer Wert war ständig zu niedrig... vielleicht war es der Blutdruck... ich weiss es nicht...
Jedenfalls durfte ich dann eine Weile neben ihr sitzen und soweit das bei all den Kanülen usw. ging ihr die Hand halten... auch wenn sie davon vielleicht nichts spürte, weil sie ja betäubt war...
Und ich bekam dann natürlich auch keine Reaktion von ihr...
Und sie sah schlecht aus... ein schlaffer und gleichzeitig immer noch zu dicker Körper...
Verbraucht ist vielleicht der treffendste Ausdruck...
Leider musste ich dann bald wieder raus, weil Visite war... und wieder hiess es warten...
Schließlich kam eine Ärztin zu mir, die mir sagte, daß meine Mutter wie ich schon wusste Probleme mit der Lunge hatte - wieder Wasser in der Lunge nehme ich an, weil sie ja die Medikamente dagegen nicht mehr genommen hatte - außerdem hatte sie wohl auch was am Herzen gehabt... also vermutlich einen kleinen Infarkt an dem Tag... aber so ganz sicher schienen sie sich da auch nicht zu sein... Und es war dann auch noch die Rede von einem Infekt irgendwo im Körper...
Ja und sie wüssten nicht, was werden würde... aber meine Mutter würde mindestens noch am nächsten Tag im künstlichen Koma bleiben...
Und ihre Sachen konnte ich nicht da lassen, weil sie auf der Intensivstation dafür keinen Platz hätten...
Also habe ich ihre braune Tasche mit ihren guten Sachen wieder genommen und wieder nach Hause getragen...
Und ich hatte kein gutes Gefühl dabei... gar kein gutes Gefühl...
Ich hatte schließlich schon lange befürchtet, daß sie nicht mehr lange leben würde... und ich habe gesehen wie sie in den letzten drei Monaten rapide verfallen ist...
Ich hatte schon erwartet, daß sie wohl nicht mehr lebendig aus dem Krankenhaus kommen würde...
Am nächsten Tag dann kam gleich morgens die Frau vom Pflegedienst... bei der ich ja erst am Tag vorher noch war... Ich hatte am Mittwoch keine Zeit mehr gefunden ihr abzusagen...
Ja und sie fand dann nur noch das leere Bett meiner Mutter vor... und meinte man sollte trotzdem schon mal ein Pflegebett und einen neuen Toilettenstuhl beantragen, damit man die Sachen dann hätte, wenn man sie braucht...
Ich wollte dann erst am Nachmittag im Krankenhaus anrufen... weil ich ja wusste, daß sie wohl nicht bei Bewusstsein wird an dem Tag... und fragen, ob sich etwas an ihrem Zustand geändert hat...
Aber... vorher bekam ich einen Anruf... in dem mir gesagt wurde, daß sie an diesem Donnerstag mitten in der Nacht, in der 'Geisterstunde' zwischen Mitternacht und ein Uhr Nachts gestorben ist...
20 Jahre lang... 20 lange Jahre hat sie unter ihren kaputten Gelenken gelitten...
20 Jahre lang hat sie sich deshalb faktisch selber hier im Haus eingesperrt, konnte sie wegen ihre kaputten Gelenken nicht mehr raus und unter Menschen...
20 Jahre lang hatte sie Schmerzen...
20 Jahre lang hat sie immer mehr abgebaut, weil sie sich fast nicht mehr bewegt hat, wegen den Schmerzen...
Und das alles nur, weil sie nicht in's Krankenhaus wollte... weil sie immer Angst hatte, daß sie da nicht mehr lebendig raus kommen würde...
Und so auch in den letzten Monaten...
Alle haben auf sie eingeredet in's Krankenhaus zu gehen, damit man ihr dort richtig helfen kann... was zuhause nicht möglich war...
Aber so wollte einfach nicht...
Erst dann, als schon alles zu spät war, hat sie sich dann doch dazu bereit erklärt... und ist dann schließlich tatsächlich dort gestorben... weil sie viel zu lange gewartet sich viel zu oft geweigert hat da hin zu gehen...
Oh Mamma! Warum nur...? Warum hast du nie hören wollen...? Du hättest dir und auch mir so viele Jahre leid erspart...
Du könntest jetzt vielleicht noch selber einkaufen gehen und unter Leute kommen... du hättest vielleicht noch etliche Jahre vor dir gehabt... Jahre ohne ständige Schmerzen... wenn du nur nicht so stur und ängstlich gewesen wärst und rechtzeitig schon vor 20 Jahren in's Krankenhaus gegangen wärst um dir dort helfen zu lassen...
Aber du wolltest ja nicht... du hast dir nicht helfen lassen... du hast dir nie helfen lassen... und darum war dir auch nicht zu helfen...
Und jetzt sitzte ich hier in unserem Haus... und es ist so still... und stehe vor deinem Bett, daß ich dir erst frisch bezogen hatte... und es ist so leer... und du wirst niemals mehr darin liegen...
Es tut mir so leid Mamma...
Ich hätte dir so gerne geholfen... aber ich konnte ja nicht... du hast es ja nicht zu gelassen...
Und es tut mir leid... wenn ich deine Erwartungen nicht erfüllt habe...
Es tut mir leid... aber ich konnte nicht das Kind sein, daß du dir gewünscht hättest... mit einem guten Beruf... mit einer Schwiegertochter, die sich um dich gekümmert hätte...
Ich konnte auch nicht immer nur für dich da sein... denn ich habe auch mein eigenes Leben, das ich leben musste...
Ich konnte dir auch nicht nach dem Mund reden, wenn du dich über die Welt, die Menschen und dein Leben beklagt hast... denn dazu hätte ich lügen müssen, wenn ich dir zugestimmt hätte... und das konnte und wollte ich nicht...
Ich hoffe nur, daß du gespürt hast, daß ich für dich da bin... gerade in den letzten drei Monaten...
Ich habe versucht dir so viel Liebe, Nähe und Zuwendung zu geben, wie ich konnte in dieser Zeit...
auch wenn da von dir nicht viel zurück kam... wie ich ja nie viel Liebe von dir bekam...
Aber so warst du eben... lieblos... und kontrollierend... wie es eine Therapeutin nach einem Telefongespräch mit dir mal ausdrückte...
Vielleicht konntest du ja nicht anders... ich weiss es nicht...
Aber so wütend du mich oft mit deinem Verhalten auch gemacht hast... mit deiner Wehleidigkeit... der grundlosen Feindseligkeit, dem ewigen Jammern und Meckern...
Ich habe dich trotzdem geliebt... denn ich bin dein Kind... und du warst meine Mutter...
Und es tut mir wahnsinnig weh, dich jetzt verloren zu haben...
Ich wünschte du hättest nicht im Krankenhaus sterben müssen... und ich wünschte ich hätte noch Abschiede von dir nehmen können...
Ich danke dir für alles, was du mir gegeben und ermöglicht hast...
Gestern war ich beim Bestatter... und habe dir gute Sachen in deine brauen Reisetasche gepackt... auch die neuen Hausschuhe, die du im Leben nie getragen hast...
Jetzt wirst du sie im Tod tragen...
Das hat fast schon eine gewisse Symbolkraft für dein ganzes Leben...
Dein Leiden ist jetzt zuende Mamma...
Ich bin nur froh, daß du nicht sehr lange leiden musstest... und nicht noch jahrelang zum Pflegefall geworden bist... das wäre schlimm gewesen... für dich und für mich...
Oh Mamma... ich wünschte es wäre alles ganz anders gekommen... besser... aber es war deine Entscheidung es so zu machen...
Jetzt hast du deinen Frieden gefunden...
Für mich fangen die (nächsten) Probleme jetzt erst an...
Ruhe in Frieden Mamma!
Dein Kind
Klaudia... früher Klaus, wie du mich bis zuletzt genannt hast...
Aurisa - 19. Okt, 08:53
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Ich wünsch Dir ganz viel Kraft und von Herzen alles Gute
Goldfederchen